Die Welt der Karolinger
Das Frankenreich entstand aus den Wirren der durch die Hunnen ausgelösten Völkerwanderung. Nachdem diese durch die vereinten Kraefte der Roemer, Westgoten, Burgunder und Franken auf den Katalaunischen Feldern 451 zum Rueckzug gezwungen werden konnten, brachen fuer Europa turbulente Zeiten an. Die aus ihren Stammsitzen verdraengten Germanen fanden Geschmack am Wandern und Pluendern und fielen, wie vor ihnen die Hunnen, in ganz Europa ein. Bald darauf gruendeten sie die ersten Reiche, so die Westgoten in Toulouse (418, unter Koenig Wallia), welches bis auf das Frankenreich das bestaendigste Germanenreich war und erst 711 durch die Araber unterworfen wurde). Auch die Ostgoten gruendeten ein Reich. Unter Koenig Theoderich dem Grossen eroberten sie 493 Italien und Rom, wobei sie das Westroemische Reich endgueltig beendeten. Ihr Reich war mit wenig Glueck gesegnet und wurde schon 555 durch den byzantinischen Feldherren Narses vernichtet. Das wechselhafte Kriegsgeschehen und die Tragik der Ostgoten hat Felix Dahn in seinem meisterlichen Roman "Ein Kampf um Rom" festgehalten. Doch die folgende byzantinische Herrschaft auf italischem Boden war nur von kurzer Dauer, denn die Langobarden besetzten Norditalien, einst noch von Kaiser Justinians Feldherren Narses als Soeldner herbeigerufen, um die Ostgoten zu besiegen. Das Langobardenreich sollte dauerhafter sein, bis es von Karl dem Grossen niedergeworfen wurde. Ebenso wie West- und Ostgoten fanden auch die Vandalen ein Land, wo sie waehrend der Voelkerwanderung ein Reich gruenden konnten. Dieses besonders kampfeswuetige und brutale Volk trieb es unter ihrem legendaeren Koenig Geiserich bis nach Afrika, eine gewaltige roemische Provinz, welches sie 429 in nur wenigen Monaten eroberten und besetzten, um sich dort niederzulassen. Ebenso wie bei den Ostgoten, war ihrem Reich nur eine kurze Zeit beschieden, denn der byzantinische Feldherr Belisar konnte die Vandalen 534 niederwerfen. Nebst den bereits genannten Voelkern waren noch eine Vielzahl anderer Germanenstaemme wandernd in Europa unterwegs, so die Alemannen, Sueben (die in Nordspanien siedelten), Heruler, Gepiden und andere kleinere Voelker. Jueten, Angeln und Sachsenstaemme machten sich um 450 von Daenemark aus nach England auf, um sich dort niederzulassen. Durch den Niedergang des westroemischen Reiches und der Wanderung so vieler Staemme in Richtung Sueden war in Mitteleuropa ein Machtvakuum entstanden und die Fanken machten sich daran, dieses Vakuum auszufuellen. Die Stammlande dieses Volkes sind in der Maasgegend zu suchen, im spaeteren austrischen Reichsteil, der die Karolinger hervorbringen wuerde. Ueber Belgien draengten sie gegen 450 nach Nordgallien (Frankreich), wo sie siedelten und ihre Macht bestaendig vergroesserten. Koenig Chlodwig aus dem Haus der Merowinger war der erste grosse Koenig, den die Franken hervorbrachten. Bei seinem Amtsantritt 482 beseitigte er zuerst rivalisierende Adelsfamilien, bevor er sich an die Ausdehnung seines Machtbereiches machte. 486 siegte er bei Soissons, eine der spaeteren Hauptstaedte der merowingischen Dynastie, ueber den von den Roemern bestellten dux (Herzog) Syagrius, welches die roemische Vorherrschaft nominell beendete. Die mit den Franken rivalisierenden Alemannen besiegte Chlodwig um 500. Nach dieser Schlacht trat er, angeblich durch den Einfluss seiner Frau, zum katholischen Glauben ueber. Damit waren die Franken der erste und momentan einzige Germanenstamm, welcher sich zur katholischen Glaubenslehre bekannte, waehrend alle �brigen Staemme dem Arianismus (einer der Hauptunterschiede zu den Katholiken war ihr Glaube an Verschiedemheit von Gott, Jesu und dem heiligen Geist, die nicht ein und dasselbe Wesen waeren) anhingen. Damit gelang dem klugen Merowinger, woran fast alle anderen Germanenreiche scheiterten: eine Verschmelzung der fraenkischen Eroberer mit der gallo-roemischen Bevoelkerung. Ebenfalls im Jahre 500 unterwarf Chlodwig die Burgunder, deren Koenig Gundobad er bei Dijon besiegte. Mit der Hilfe der Unterworfenen verdraengte Chlodwig schliesslich die Westgoten aus Gallien. 507 schlug er sie bei Vouillö, die Westgoten mussten Toelouse aufgeben und siedelten von nun an in Spanien. Der erfolgreiche Chlodwig starb 511 in seiner Pariser Residenz, seine vier Soehne teilten das Reich untereinander auf. Seine Nachfolger hatten allerdings nicht dasselbe politische Geschick oder Glueck wie Chlodwig. Die Franken erlebten ein turbulentes 6. Jahrhundert, obwohl sie sich kontinuierlich weiter ausbreiten konnten. Die Nachfolger Chlodwigs teilten das Reich mehrmals untereinander auf, es kam immer wieder zu Thronstreitgkeiten, wenn mal wieder irgendein Anwaerter versuchte, seinen Alleinanspruch durchzusetzen. Die ganze Familie kaempfte erbittert gegeneinander, Brueder ermordeten ihre Brueder, Muetter ihre Kinder, Enkel oder Neffen. So schickte die schaurige Brunhild beispielsweise gedungene Moenche aus, die Nebenbuhler mit Messerattentaten aus dem Weg raeumten. 613 wurde sie gefangengenommen und zu Tode gefoltert. Waehrend jener Zeit konnte wohl jeder Adelige Franke froh sein, nicht als Merowinger geboren zu sein, denn kaum einer dieses Geschlechts starb einen friedlichen Tod. Mit dem siebten Jahrhundert hoerten die Machtkaempfe innerhalb der Familie endlich auf, was auch damit zusammenhing, dass die Erben Chlodwigs immer schwaechere Herrscher wurden. Sie verliessen sich zunehmend auf ihre Adeligen und Hofdiener, die die koeniglichen Amtsgeschaefte bald komplett in die Hand nahmen. Die Merowinger waren zu Schattenkoenigen im eigenen Reich geworden. Wie sah Europa nun aber in der Fruehzeit des 7. Jahrhunderts, welches den Aufstieg der Karolinger sehen wuerde, aus? Das Frankenreich bestand aus den Mitteleuropaeischen Stammlanden in der Maasgegend, Metz, Aachen und Ingelheim, wo sich der austrische Reichsteil befand und aus dem mit dem Sieg ueber den Syagrius an das Frankenreich gefallene Nordgallien (Soissons, Orleans, Paris), welches den neustrischen Reichsteil bildete. Ebenso waren Burgund und Teile des Tolosanischen Westgotenreiches an die Franken gefallen. An den Randgebieten des Reiches siedelten jedoch diverse Germanenestaemme. So zum Beispiel die Friesen. Diese gehoerten zu den wenigen Germanen, die nicht auf Wanderschaft gegangen waren, sondern ihre urspruenglichen Siedlungsgebiete an der Nordsee nicht verliessen. Der Grund dafuer liegt auf der Hand; anders als das restliche Germanien, welches mit Urwald ueberwuchert und voellig versumpft war, florierte in Friesland schon frueh ein bluehender Handel. Die Friesen waren die ersten germanischen Kaufleute, der Handel mit England und anderen Nordseeanreinern machte sie sehr reich. Sie besassen eine eigene Muenzpraegung und galten in merowingischer Zeit als unabhaengig und stellten ein eigenes Herzogsgeschlecht. Dies gehoerte mit zum ersten, was die Karolinger aendern wuerden. Ein weiterer wilder Germanenstamm, der bis zur Zeit Karls des Grossen heidnisch blieb, waren die Sachsen. Diese siedelten etwa seit dem ersten Jahrhundert an der Elbmuendung und hatten sich durch Unterwerfung anderer Germanen (Cherusker, Bruttier, Chautier, u.a.) bis nach Ost- und Westfalen ausgebreitet. Sie bildeten einen lockeren Grosstamm mit mehreren regionalen Stammesgruppierungen. Schon im 6. Jahrhundert gab es erste fraenkische Uebergriffe auf saechsisches Gebiet, doch konnten sich die kriegerischen Sachsen der Franken immer erwehren. Sie fielen ihrerseits desoefteren im Frankenreich ein, weshalb sich die Franken bis zur Zeit Karl des Grossen auf vereinzelte Strafexpeditionen beschraenkten. Die Alemannen waren eigentlich im 6. Jahrhundert durch die Merowinger unterworfen worden, blieben jedoch ein Reichsteil mit weitgehender Autonomie. Dies zeigt sich schon anhand der Tatsache, dass die Alemannen weiterhin einen eigenen Herzog bestellten. Aehnlich verhielt es sich mit dem Elsass, welches ebenfalls ab 660 einen eigenen Herzog besass. Das Geschlecht starb jedoch gegen 739 aus. Baiern war etwas besonderes. Ab dem 6. Jahrhundert herrschte hier das fraenkische Geschlecht der Agilofinger, die allerdings schon sehr stark baierrisiert waren und sich spaeter nicht mehr mit den Franken identifizierten. Ihr Herzogtum konnte als autonom betrachtet werden und blieb bis zur Zeit Karls des Grossen ein staendiger Unruheherd. Als ebensolcher erwies sich auch Aquitanien lange Jahre. Die hier ansaessige Bevoelkerung widersetzte sich den Karolingern viele Jahrzehnte. Neustrier, die durch die austrischen Karolinger vertrieben wurden, flohen nach Aquitanien. Die aquitanischen Herzoege kaempften erbittert gegen Pippin II., Karl des Grossen Vater, und fielen den Franken letztlich nur durch Verrat in den eigenen Reihen zum Opfer. Interessant ist auch eine Betrachtung des spanischen Westgotenreiches. Durch die Franken verdraengt, liessen sich Westgoten und Sueben in Iberien nieder. Nach der Vertreibung erkoren die Westgoten Toledo zu ihrer Hauptstadt. Das Suebenreich in Nordspanien unterwarfen die Westgoten unter Koenig Rekharedt, welcher 587 Katholik wurde, schon in den Jahren 585-90. Ab 654 gab es fuer Westgoten (die ebenfalls katholisch wurden) und die roemisch-iberische Urbevoelkerung ein einheitliches Recht. Dennoch blieb das Reich eigentlich schwach, was an der schwachen Position des Koenigs lag, denn dieser wurde nur gewaehlt. Einzelne Regionen hatten sich ihre Unabhaengigkeit bewahrt, so beispielsweise die wehrhaften Basken, die noch Karl dem Grossen eine schmerzhafte Niederlage verpassen sollten. Im Jahr 711 kam dann das Ende des Reiches durch den Berber Tarek, der den Westgotenkoenig Roderich schlug. In noerdlicher Richtung vom Frankenreich befand sich England. Mehr noch als Germanien, war England ein recht oedes Land. Selbst nach der Ansiedlung der Angeln, Sachsen und Jueten, welche die keltische Urbevoelkerung nach Wales, Irland und Schottland vertrieben, lebten kaum 400.000 Menschen auf der Insel (im Gebiet der alten Bundesrepublik ca. 700.000-1.000.000). In der Zeit des 7. Jahrhunderts gliederte sich das Land in 7 Koenigreiche auf: Kent (wo die Jueten lebten), Northumbria, Mercia, Ost-Anglia (Angeln), Essex, Sussex und Wessex (Sachsen). Ab dem 6. Jahrhundert missionierte der von Rom entsendete Augustinus England (Gruendung des Klosters von Canterburry), was er recht erfolgreich tat, denn in den folgenden Jahrhundert waren die englischen Moenche begehrte gelehrte Pilger, die emsige Missionsarbeit taetigten. In Italien bestand ein weiteres Germanenreich, das Langobardenreich. Diese hatten in Norditalien die Nachfolge der Ostgoten angetreten und machten Pavia zu ihrer Hauptstadt. In einem laengerfristigen Prozess katholisierten sie sich freiwillig und galten ab 650 als komplett katholisiert. Aehnlich wie bei den Westgoten, wurde das Langobardenreich dadurch geschwaecht, dass es keine unangefochtene Herrscherdynastie gab, Grafen und Herzoege uebten unabhaengig vom Koenig grosse Macht aus. Interassantestes Staatsgebilde jener Zeit war jedoch zweifellos Byzanz. Seit Kaiser Konstantin seine Hauptstadt in die altgriechische Stadt verlegt hatte, war sie der Nabel der Welt. Noch unter Kaiser Justinian hatte Ostrom im 6. Jahrhundert Ausmasse erreicht, welche mit dem Besitz Roms aus der Zeit Caesars vergleichbar waren. Zwar war die Macht von Byzanz seitdem kontinuierlich verfallen, dennoch war die Stadt immer noch eine der groessten, maechtigsten und schoensten, die zu der Zeit existierten. Hier residierte der Kaiser, der den Anspruch hatte, Fuehrer der Christenheit und ihr Beschuetzer zu sein. Dies war nicht nur juristisch festgelegt, sondern aeusserte sich auch optisch. Die Kaiserstadt war eine der wenigen Weltmetropolen, die Germanen- und Hunneneinfaelle in Europa ueberlebt hatten. Ausser Rom gab es keine Stadt von vergleichbarer Groesse. Nebenbei prunkte die Stadt mit ihrem Reichtum, gewaltige Bauwerke (Kirchen, Basiliken, Palaeste, Villen) reihten sich aneinander. Nicht umsonst war die Stadt, ebenso wie der byzantinische Kaisertitel, fuer Karl den Grossen das Mass aller Dinge.
Karl der Große von Aachen
Bild: Karlsbüste ,Karls des Großen in der Domschatzkammer in Aachen.
Mit dem Untergang des Weströmischen Reiches (476) begann die proströmische feudale Anarchie (Geiss), die letztlich ca. 500 Jahre bis zur Entstehung einer neuen längerfristig stabilen Zentralmacht mit der Kaiserkrönung Ottos I. (962) in der Folge der Beendigung der Landnahme der Ungarn, der letzten äußeren Invasoren Europas (Schlacht bei Augsburg, 955).
Das größte Intermezzo stellte das Frankenreich dar, welches zu seiner Hochzeit unter der Kaiserherrschaft Karls des Großen den größten Teil Mitteleuropas umfaßte. Das Reich konnte jedoch nicht längerfristig gesichert werden und zerbrach 888 endgültig. Aus den drei Nachfolgereichen entstanden im Laufe der Jahrhunderte - jeweils in komplizierten Prozessen - die beiden großen Nationen im Kern Europas, Deutschland und Frankreich. Beide versuchten in der Geschichte mehrfach, die Hegemonie über Mitteleuropa zu erlangen, was in der Neueren Geschichte vor allem in den Napoleonischen und den beiden Weltkriegen deutlich wurde. In der Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg wurde Karl der Große erneut zum Symbol der europäischen Einigung.
Entstehung des Frankenreiches (ab 482)
482 machte Chlodwig, einer der fränkischen Stammesführer, sich zum König über die Franken. Kurze Zeit später (486) verjagte er den letzten römischen Statthalter aus Gallien. Bis zu seinem Tode 511 eroberte er die Alamannen (ab 496) und Aquitanien (ab 507), seine Söhne erweiterten das Herrschaftsgebiet um das Reich der Westgoten und Thüringen (ab 531) sowie um Burgund (ab 534). Bayern behielt zwar die Autonomie, wurde aber zum Klientelstaat (537).
Um dieses große Reich regieren zu können bediente sich Chlodwig der letzten noch intakten Struktur des untergegangenen römischen Reiches, der Kirche. 499, als im Kampf gegen die Alamannen die totale Niederlage drohte, traten die Franken zum Christentum über und nutzten die Unterstützung der Bischöfe und Äbte zur Regierung.
In der Folgezeit wurde die Christianisierung der unterworfenen Völker vorangetrieben. Diese wurde zum Symbol der Unterwerfung unter die Königsherrschaft und brachte den Völkern an der Peripherie bzw. außerhalb des ehemaligen römischen Reiches die damals höchste Form der Zivilisation.
Anschließend (seit 561) verloren die Könige mehr und mehr die reale Macht an die adligen Verwalter der königlichen Güter (Hausmeier, lat. major domus). Die Merowinger wurden zu „Schattenkönigen“. Ein wichtiges Hausmeiergeschlecht waren die später nach Karl dem Großen benannten Karolinger. Sie faßten das gesamte Frankenreich erneut zusammen. Zuerst gelang das Pippin II. (687), später seinem Sohn Karl, der nach dem Sieg über die von Spanien aus eindringenden Araber in der Schlacht bei Tour und Poitier (732) den Beinamen „Martell“ (der Hammer) erhielt.
In der dritten Generation wagte eine Sohn Karl Martells, Pippin III., den Staatsstreich. 751 machte er sich zum König der Franken, ließ dem letzten Merowinger das lange Haupthaar, Zeichen seiner königlichen Würde, abschneiden und schickte ihn ins Kloster. Hierbei bewährte sich wiederum das Bündnis von Kirche und Staat, also die Orientierung an der einzig erhaltenen Machstruktur der Antike. Pippin übertrumpfte die alte Legitimation der Merowinger symbolisch, indem er sich vom Papst nach dem Brauch der Könige im Alten Testament salben ließ. Als Gegenleistung half er dem Papst gegen die vordringenden Langobarden und begründete mit umfangreichen Schenkungen um Rom und Ravenna 754 Kirchenstaat (Patrimonium Petri), der in winzigen Resten noch heute als Vatikanstaa t besteht. Seit 756 trug er den Titel „dei gratia rex Francorum“ (Kaiser der Franken von Gottes Gnaden), vorbildlich für das Gottesgnadentum der mittelalterlichen Könige.
Karl der Große (768-814)
Weitere Expansionen fanden in der vierten Generation der Karolinger statt. Karl der Große, Sohn Pippins III. unterwarf ab 772 die noch heidnischen Sachsen in den 32 Jahre dauernden Sachsenkriegen. Diese wurden mit größter Härte geführt. Massenhinrichtungen und Zwangsdeportationen brachen den Widerstand der sächsischen Unterschichten, die sich hartnäckig gegen die Christianisierung wehrten.
Schon vorhergegangene Christianisierungsversuche der Friesen hatten sich als äußerst schwierig erwiesen. So wurde der angelsächsische Mönch Winfried (genannt Bonifazius) bei einer Missionsreise 754 von heidnischen Kriegern erschlagen. Nicht nur da die Christianisierung Unterwerfung unter Fremdherrschaft bedeutete sondern auch, weil die komplizierte Schriftreligion im Gegensatz zu den animistischen Traditionen weniger greifbar war, war sie schwer zu vermitteln. Auch waren die Methoden der Christianisierung brutal, es wurden harte Strafen etwa gegen Sonntagsarbeit eingeführt, was einem agrarisch orientierten Volk, welches den Arbeitsablauf von Witterungsbedingungen abhängig machte, absurd vorkommen mußte. Besonderen Widerstand provozierte auch die Abgabe des „ Zehnten“, also des zehnten Teils des Besitzes an die Kirche.
Schließlich wandte sich Karl den beiden ungelösten Problembereichen seiner Vorgänger zu. Das Langobardenreich wurde 774 erobert sowie das Herzogtum Benevent 787 unter fränkische Oberhoheit gebracht, also die gesamte italienische Halbinsel unter Kontrolle gebracht. Bayern entzog er die Autonomie, indem er den Herzog Tassilo (III.) 788 absetzte. Zuletzt schwächte er 796 das Awarenreich durch die Eroberung des Zentrums.
Das Jahr 800 stellte den Höhepunkt der Macht Karls des Großen dar. Erneut bat der Papst (Leo III.) einen Karolinger um Hilfe, diesmal gegen eine Verschwörung des römischen Stadtadels. Beim anschließenden Weihnachtsgottesdienstes krönte dieser Karl zum Kaiser nach byzantinischem Ritus. Der Kaisertitel symbolisierte die konkreten Machtverhältnisse.
Um seine Machtbasis zu sichern, setzte Karl seine Söhne als Könige in den Reichsteilen ein, wobei er seinen ersten Sohn Pippin aufgrund dessen körperlicher Mißbildung (“Pippin der Bucklige“) überging. Karl der Jüngere wurde Frankenkönig (800), Karlmann, der nach der Entmachtung seines älteren Bruders in der Familientradion in Pippin umbenannt worden war, wurde 781 König von Italien und Ludwig der Fromme König von Aquitanien. Die noch minderjährigen Statthalter waren in zweierlei Hinsicht vorteilhaft: Durch die Familienbande war eine Legitimation für das Volk deutlich, die reale Regierungsgewalt dagegen konnte Karl von loyalen Beratern erledigen lassen.
Die feudale Struktur zeigt aber auch eine Schwäche des Großreiches. Aus Mangel an Infrastruktur und Kommunikationsmitteln war die Macht des feudalen Adels sehr groß und schwer zu kontrollieren. Zur Kompensation war der König/Kaiser Karl der Große ständig auf Reisen durch sein Reichsgebiet und rastete auf königlichen/kaiserlichen Pfalzen und Höfen, um vor Ort Recht zu sprechen und Gesandte zu empfangen. Karls Lieblingspfalz wurde Aachen. Karl wurde damit zum Vorbild des Wander- oder Reisekönigtums des Mittelalters.
Als Gegengewicht zum lokalen Adel hatten die fränkischen Könige schon lange Grafen eingesetzt. Dieses System konnte sich jedoch niemals voll durchsetzen. Nachdem der Hochadel 614 erzwungen hatte, das nur Adelige aus der jeweiligen Region ein Grafenamt bekleiden durften, setzten die Grafen vor allem regionale Interessen durch. Karl etablierte dagegen das System der Königsboten (missi dominici). Doch auch dieses System wurde vom Hochadel unterminiert. Seit 802 durften nur noch hohe Amtsträger (Bischöfe, Äbte, Grafen) Königsboten sein. Die herrschende Schicht konnte sich so selbst kontrollieren.
Karls Nachfolger
Karl der Große verstarb am 28. Januar 814 72jährig in Aachen. Sein Sohn Ludwig der Fromme konnte als Nachfolger das Reich noch zusammenhalten. Dieser wiederum teilte das Reich nach germanischem Erbrecht unter seinen Söhnen auf. Da diese die Aufteilung nicht akzeptieren wollten, brach ein Bürgerkrieg aus (840-843). Äußere Invasoren ( Normannen, Dänen, Wikinger) nutzten die innere Schwäche des Reiches zu permanenten Überfällen.
Im Vertrag von Verdun (843) wurde die Teilung des Karolingerreiches nach dem Tode Ludwigs des Frommen (840) in Westfranken (Karl der Kahle), Ostfranken (Ludwig der Deutsche) und ein Mittelreich (Lothar I.) manifestiert. Letzterer erhielt die Kaiserkrone. 855 starb Kaiser Lothar I. Das Mittelreich wurde wiederum unter den Söhnen dreigeteilt in Italien (Kaiser Ludwig II.), Lotharingen (Lothar II.) und Provence mit Südburgund (Karl). Nach dem Tode Lothars II. (869) wurde Lotharingen zwischen West- und Ostfranken im Vertrag von Meersen (870) aufgeteilt. 875 starb mit Kaiser Ludwig II. die Dynastie der Karolinger in Italien aus. Ein Jahr später wurde Ostfranken nach dem Tode Ludwig des Deutschen in vier Teile aufgeteilt. 880 legte der Vertrag von Ribemont im wesentlichen die mittelalterliche Grenze zwischen Frankreich (Westfranken) und Deutschland (Ostfranken) fest. Karl dem III. (der Dicke) gelang es von 885 bis 887 noch einmal kurzfristig, das Frankenreich zu einen, 888 zerbrach es endgültig.
In der Folge wurde 987 aus Westfranken (Francia) das französische Königreich mit Ablösung der Karolinger durch die Capetinger. In Ostfranken starb der letzte Karolinger 911, 919 ging die Königswürde an Heinrich I., den mächtigen Sachsenherzog. Sein Sohn Otto I. beendete 955 in der Schlacht bei Augsburg die Landnahme der Ungarn und wurde 962 zum Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen“ gekrönt. Dieses bestand im Prinzip bis 1806, als der letzte Kaiser Franz II. unter Druck Napoleons abdanken mußte.
Die auf dem Boden des Reiches Karls des Großen entstandenen Nationalstaaten Deutschland, Frankreich und Italien nutzten die chaotische Aufteilung des Reiches immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. Besonders deutlich wird dieses am Beispiel Lothringens, welches als Teil des Mittelreiches im Laufe der letzten 1000 Jahre mehrmals von Deutschland oder Frankreich beansprucht wurde und zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg zu Frankreich kam. Wie jüngst im Kosovo zeigt sich auch hier die Absurdität von Nationalismen, die Gebiete für sich beanspruchen, obwohl gerade in einem so eng besiedelten Gebiet wie Mitteleuropa mit einer so komplizierten Geschichte eine klare Zuordnung zu einer Volksgruppe scheitern muß.